Traumseminar


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Historische Träume

Träume > Archiv

Die Leiche eines Erschlagenen

Am 23. Mai 1943, bei sich zuhause in Kirchhorst, träumte Ernst Jünger:

Auf mir lastet
die Leiche eines Erschlagenen
ohne dass ich
ein Versteck für sie
hätte finden können*

*Er erwachte mit entsetzlicher Angst aus diesem Traum und dachte an Kain.

Quelle: Jünger, Ernst: Kaukasische Aufzeichnungen. 1994, Klett-Cotta, Suttgart



Woran bin ich gestorben?

Der 45-jährige Antonio Tabucchi, italienischer Schriftsteller, träumte von seinem Vater, der vor einigen Jahren an Kehlkopfkrebs gestorben war.

Mein Vater steht
an eine Kommode gelehnt
und ich sitze vor ihm
auf dem Bett
Er ist jung
von ungefähr zwanzig Jahren
und trägt eine Matrosenuniform
Sein Ausdruck ist
so fröhlich und selbstsicher
wie ich ihn
von Fotos aus der Jugend kenne
Er hat jedoch
ein Loch im Hals
auf der Höhe des Kehlkopfs
wie er es kurz
vor seinem Tod hatte
Ich bin so alt
wie in Wirklichkeit
sodass ich sehr gut
sein Vater hätte sein können
Er ist mein Vater
und gleichzeitig habe ich das Gefühl
er sei mein Sohn
Woran bin ich gestorben?
fragt er mich
Ich erzähle ihm
von seinem Kreuzweg
und durchlaufe alle Qualen
die er vor seinem Tod
erlebt hat

Quelle: Internet, Lettre international - Europas Kulturzeitung. Tabucchi, Antonio: Universum in nur einer Silbe



Carl Gustav Jung und die tiefen Wirklichkeiten der Seele

Als Carl Gustav Jung und Sigmund Freud zusammenarbeiteten, erzählten sie sich ihre Träume. Bei einem seiner Träume merkte Jung, dass es unter der Persönlichkeitsstruktur tiefere Schichten geben musste, die auf einen ‚kollektiven Geist’ verwiesen. Er trennte sich später von Freud und entwickelte die Tiefenpsychologie.

Ich steige
in meinem Haus
in immer tiefere
Kellerstockwerke hinab
und mache archäologische Entdeckungen
Zuunterst finde ich ein prähistorisches Grab
mit zwei Schädeln und zerbrochenen Tonkrügen

Quelle: Jung, Carl Gustav: Erinnerung Träume Gedanken. 2003, Walter Verlag, Zürich



Ein Richtscheit für Augustinus und seine Mutter

Während Augustinus den beharrlichen und drängenden Bitten seiner Mutter, sein liederliches Leben aufzugeben und sich taufen zu lassen, widerstand – ihre Streitereien waren derart, dass sie nicht mehr am selben Tisch essen konnten -, hatte sie folgenden Traum:

Ich stehe
auf einem Richtholz
von Gram gebrochen
wie ein lichter Jüngling
auf mich zukommt
und fröhlich lächelnd
nach dem Grund meines Trauerns
meines Weinens Tag für Tag fragt
Ich härme mich
über mein Verderben
sage ich
Da heisst er mich
getrost zu sein
ich brauche nur
genauer hinzuschauen
um gewahr zu werden:
Wo ich bin
ist auch mein Sohn
Wie ich genauer hinschaue
erblicke ich meinen Sohn
der an meiner Seite
auf demselben Richtscheit steht

Quelle: von Franz, Marie-Louise: Träume. 1985, Daimon Verlag, Zürich, S. 1



Käthe L.


Die 28-jährige Käthe L. war vor der Gestapo ins russische Exil geflüchtet. Kurz nach der Verhaftung ihres Mannes hatte sie folgenden Traum:

Da steht ein langer Tisch
und wir sitzen alle daran:
der Mann meiner Freundin
mein Mann
sie und ich
Wir haben alle
diese russischen Schüsseln vor uns
und einen Holzlöffel
in der Hand

Sie ging zu ihrer Freundin und sagte zu ihr: „Bald kommen unsere Männer wieder!“ „Wieso?“ „Ich habe geträumt, dass wir alle zusammen an einem langen Tisch sitzen.“
Wochen später fanden sie sich alle im russischen Arbeitslager wieder.

Quelle: Stark, Meinrad: Frauen im Gulag. 2003, Carl Hanser Verlag, München



Eine Schlange windet sich meinen Körper hinauf


Durch eine schlaue List gelang es Themistokles, den persischen König Xerxes bei der Seeschlacht von Salamis zu schlagen. Dieser Sieg vergrösserte seine Macht in Athen und steigerte sein Selbstbewusstsein zu Grössenwahn. Vom griechischen „Scherbengericht“ wurde er zur Verbannung verurteilt. Er floh aus Athen und lebte als Gast im Hause eines reichen Mannes, der ein Freund der Perser war. Er überlegte sich, ob er dem Feind selbst, Xerxes, seine Dienste anbieten solle. In dieser verzweifelten, ausweglosen Lage hatte er folgenden Traum:

Eine Schlange windet sich
meinen Körper hinauf
erreicht meine Kehle
als sie sich plötzlich
in einen Adler verwandelt
der mich auf Flügeln
davonträgt
und mich auf einem goldenen
Heroldsstab niedersetzt
Ich bin befreit
von meiner Furcht*

*Themistokles begab sich als Frau verkleidet an den Hof des Perserkönigs und erzählte Xerxes seinen Traum. Dieser beschenkte ihn mit 200 Talenten - der Preis, der auf seinen Kopf gesetzt war, und schenkte ihm drei Städte dazu.

Quelle: von Franz, Marie-Louise: Träume. 1985, Daimon Verlag, Zürich, S. 92



Descartes

Der 23-jährige René Descartes verbrachte den ganzen Winter in der warmen Stube eines deutschen Bürgerhauses in der Nähe von Ulm. Durch das unermüdliche Suchen nach der mathematischen Grundformel für alle Wissenschaften hatte er sich an die Grenze der Erschöpfung gebracht. Völlig übermüdet legte er sich am 10. November 1619 ins Bett und träumte:

Wie ich durch die Strassen gehe
glaube ich Phantome zu sehen
deren Erscheinung mich erschrecken
Um an den Ort zu gelangen
wohin ich zu gehen beabsichtige
muss ich mich auf die linke Seite niederbeugen
beschämt fühle ich auf der rechten
eine grosse Schwäche
Ich unternehme eine grosse Anstrengung
um mich aufzurichten
doch da fühle ich einen heftigen Wind
der mich wie ein Wirbelsturm packt
und drei- oder viermal auf dem linken Fuss
im Kreis herumdreht
Es ist so schwierig vorwärts zu kommen
dass ich bei jedem Schritt hinzufallen glaube
Da bemerke ich ein „collège“
das offen steht
und ich trete ein
um Zuflucht zu finden
Ich höre ein heftiges Geräusch
ein Blitz schlägt ein ganz in der Nähe
Ich rette mich in einen Raum
in dem ein Buch auf einem Tisch liegt
schlage es auf und lese:
Die Göttlichkeit des Enthusiasmus
und die Kraft der Imagination
bringen dieses Wunder hervor
Sie lassen das Samenkorn der Weisheit
das sich im Geist eines jeden Menschen findet
wie die Feuerfunken in Kieselsteinen
viel leichter und üppiger spriessen
als es die Vernunft
der Philosophen vermag

Quelle: von Franz, Marie-Louise: Träume. 1985, Daimon Verlag, Zürich, S. 137, gekürzte Traumtrilogie



Sokrates

Wenige Tage vor Sokrates’ Hinrichtung durch Einnahme des Schierlingsbechers, dessen Gift zuerst zu Lähmungen und dann bei völligem Bewusstsein zum Tod durch Ersticken führt, besuchte ihn sein Freund Kriton. Er bot ihm Geld und die Flucht nach Thessalien an. Sokrates ging auf das Angebot nicht ein und erzählte ihm stattdessen einen Traum.

Mir erscheint eine schöne
wohlgestaltete Frau
in einem weissen Gewande
sie tritt auf mich zu
und sagt
Sokrates
wahrlich
am dritten Tage
gelangst du
zum fruchtbaren Phthia*

*Gegend in Thessalien

Quelle: Von Franz, Marie-Louise: Träume. 1985, Daimon Verlag, Zürich, S. 54



Heiliger Dominikus

Die Mutter des Hl. Dominikus träumte, als sie mit ihm schwanger war:

Ich gebar
einen kleinen
Hund der eine
leuchtende
Fackel im Maul trug

Quelle: von Franz, Marie-Louise: Träume. 1985, Daimon Verlag, Zürich, S. 123








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