Traumseminar


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Kunstschaffende

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-so eine trug sie zu Lebzeiten nie-

Zehn Tage nach dem Tod ihrer Mutter, die an Krebs gestorben war, träumte die Dichterin Ursula Krechel:

Als hätte jemand gerufen, zieht es mich
zum Fenster der früheren Wohnung. Auf der Strasse
winken vier Typen aus einem zerbeulten VW
einer drückt dabei auf die Hupe. So ungefähr
haben die Berliner Freunde vor fünf Jahren ausgesehen.
Da winkt vom Rücksitz auch eine Frau:
meine Mutter. Zuerst sehe ich sie
halb versteckt hinter neuen Bekannten.
Dann sehe ich nur noch sie
ganz gross wie im Kino dann ihren mageren weissen Arm auf dem auch in Nahaufnahme kein einziges Härchen
zu sehen ist. Wenn sie eilig am Gasherd hantierte
hatten ihr die Flammen häufig die Haare versengt.
Am Handgelenk trägt sie den silbernen Armreif
den ihr mein Vater noch vor der Verlobung geschenkt hat.
Mir hat sie ihn vererbt. Ich steige die gebohnerte Treppe hinab.
An der Haustür höre ich schon ein Kichern: „Mama!“
rufe ich, der Nachsatz will mir nicht über die Lippen.
Meine Mutter sitzt eingeklemmt zwischen zwei
lachenden Jungen. So fröhlich war sie lange nicht mehr.
„Willst du nicht mitfahren?“ fragt sie. „Aber im Auto
ist doch kein Platz“ sage ich und blicke
verlegen durch ihre seidige Bluse
- so eine trug sie zu Lebzeiten nie -
auf ihre junge noch ganz spitze Mädchenbrust
und denke ich muss den Vater rufen. Da heult schon
der Motor auf die klapprige Tür wird von innen
zugeworfen. An der Haustür könnte ich mich ohrfeigen.
Nicht einmal die Autonummer habe ich mir gemerkt.


Quelle: Deutsche Gedichte; 1994 Reclam jun. GmbH & Co, Stuttgart



Die Flügel sind zu gross

Die international arbeitende Video- und Installationskünstlerin Pipilotti Rist träumte:

1.

Es herrscht Weltuntergang
Allen ist klar
dass das Leben
aufhört
Ich befinde mich
in einer biblisch
anmutenden Szenerie
mitten in einer Steppe
umgeben von gelben
orangefarbenen und roten Zelten
Innen sitzen Leute
die ich verletzt
oder vernachlässigt
oder schlecht behandelt habe
Am wenigsten Schuld
trifft mich an jenen Menschen
in den gelben Zelten
Ich muss von einem
zum anderen gehen
und mich entschuldigen:
Es tut mir leid
dass ich dich
nicht besucht habe
oder
Ich hätte dir helfen sollen

2.

Ich weine
weine wie
ein angeketteter Hund
und tanze
in der Diskothek
die aussieht
wie unser Haus
Meine Tränen
schimmern im Licht
ich springe herum
wie ein Affe
meine Fusssohlen gleiten
über tränennassen Boden
wodurch mein Tanz
noch schneller wird
Um mich auszuruhen
lege ich mich
auf den Rücken
Aus allen Richtungen
kommen Menschen
die mit mir getanzt haben
und streicheln
meinen vom salzigen Wasser
brennenden Körper
tröstend
mit kühlenden Händen
Wie ich genug geweint habe
fühle ich mich frei
eine neue Identität zu wählen:
Ich glaube
ich werde wie sie
denke ich und erwache

3.

Ich fahre
mit einem Flugzeug
auf den Strassen herum
Immer wieder
tauchen Brücken auf
und jedes Mal
entsteht ein Riesendrama
weil ich mit dem Ding
unter der Brücke
hindurch will:
Die Flügel
sind zu gross

Quellen: Karcher, Eva, ‘Ich habe einen Traum’, in: Die Zeit, Hamburg, 20.1.00 und das Buch von Bonami, Franceso, Obrist, Hans Ulrich (ed.), ‘Dreams’, Torino: Fondazione Sandretto Rebaudengo per l’arte, 1999

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