Traumseminar


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Ich erschaffe in der Höhle den Erlösten

Ich ersteige einen Berg
wie die Hirten Kretas
den Hirtenstab unter beide
Achselhöhlen geklemmt
und singe die Volksweise:

Auf den Lippen Margaros säte ich ein Pfefferkörnchen
und das wuchs und wurde gross und buschig wie ein Baum.
Wohl Griechen ernten seine Frucht, Türken buckeln sie auf,
und Margaro, sie drischt sie aus, auf einem Schimmel reitend

Plötzlich springt aus einer Höhle
ein Greis mit aufgekrempelten Ärmeln
die Hände voller Schaum
Er legt den Finger auf den Mund
um mir schweigen zu gebieten
und sagt dann mit strenger Stimme:
Hörst du sofort mit dem Singen auf!
Du störst mich
Siehst du nicht
dass ich arbeite?
und er zeigt mir seine Hände
Was machst du da?
frage ich ihn
Siehst du es nicht
ich erschaffe in der Höhle den Erlösten
Den Erlösten? Wer ist der Erlöste?
rufe ich und in mir gehen wieder
die alten Wunden auf
Der
der die Ganzheit begreift
liebt und erlebt
antwortet der Greis und
schlüpft hastig in die Höhle

Quelle: Nikos Kazantzakis, Rechenschaft vor El Greco, Rowohlt 1982, Reinbek bei Hamburg, Seite 320



Der Abgrund zwischen handeln und betrachten

Ernst Jünger kämpfte mit den deutschen Truppen im Kaukasus. In der Nacht auf den 31. Dezember 1942 träumte er:

Ich wohne
einem Gespräch bei
zwischen einer Dame
im Reitkleid
und einem Herrn
in mittleren Jahren
Indem ich es
bald als der eine
bald als der andere
Partner führe
offenbart sich mir
der Abgrund
der zwischen dem Handelnden
und dem Betrachtenden besteht
Der Vorgang
dessen Einheit mir
in der Schau
vollkommen deutlich ist
nimmt dialektischen Charakter an
wenn ich
das Wort ergreife

Quelle: Jünger, Ernst: Kaukasische Aufzeichnungen. 1994, Klett-Cotta, Suttgart



Mein Wesen löst sich an den Rändern auf

Wenn Reinhold Messner einen Achttausender bestieg, träumte er manchmal in der Nacht:

Ich werde
gross und grösser
dehne mich aus
so sehr
dass sich
mein Wesen
an den Rändern
gleichsam auflöst


Quelle Tagblatt v. 27.10.04



Das Geheimnis vom Inneren der Dinge

John Berger, bekannter Kunstkritiker und Schriftsteller, lebt in einem kleinen Bergdorf in Frankreich. Einige seiner Bücher handeln von Bergbauern, die unter widrigsten Umständen der Natur ihr Überleben abringen. Eines Nachts träumte er:

Ich bin ein merkwürdiger Händler
handle mit Blicken und Erscheinungen
sammle sie und verkaufe sie weiter
Ich habe das Geheimnis entdeckt
wie ich ganz allein, ohne Hilfe oder fremden Rat
in das Innere dessen gelange, was ich betrachte:
ein Eimer Wasser, eine Kuh, eine Stadt
aus der Vogelperspektive, eine Eiche
Bin ich einmal im Innern der Dinge
kann ich sie besser arrangieren
nicht dass sie schöner oder harmonischer erscheinen
nicht typischer, so dass z.B. eine Eiche
für alle Eichen hätte stehen können
sondern besser bedeutet einfach
die Dinge mehr sie selbst sein zu lassen
sodass die Kuh oder die Stadt
oder der Eimer Wasser oder die Eiche
ganz offensichtlich unverwechselbar werden
Dies zu tun macht mir Freude
und den anderen gefallen die kleinen Veränderungen
die ich von innen her vornehme
Das Geheimnis ist ganz einfach
wie das Öffnen einer Schranktür –
manchmal geht es nur darum dazusein
wenn die Türe von selbst aufspringt*

*Als er erwachte, konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wie man das Innere der Dinge betritt.

Quelle: Berger, John: Gegen die Abwertung der Welt. 2003, Carl Hanser Verlag, München



Regierungsrätin Kathrin Hilber träumt:

Ich sitze in einer Gruppe von Leuten
und verfolge eine Diskussion
um das grosse Geld
der Pensionskassen
Man ist sich uneins
was man damit anfangen soll
Plötzlich taucht am Horizont
eine grosse glühende Kugel auf
öffnet sich und zieht
tausende von Geldscheinen
in sich hinein
Ein Schrei
geht durch die Runde
dann stilles Entzücken
Die Kugel verwandelt sich
in ein Raumschiff und
aus einem Lautsprecher heisst es
die Fahrt führe uns
rund um die Welt
mit dem Ziel
die grossen Summen
an Pensionskassengeldern
in allen Teilen der Welt
gerecht zu verteilen

Quelle: Brack, Bernhard



Viktor Röthlin

Viktor Röthlin träumte zwei Nächte vor dem Zürich Marathon:

Ich laufe
den Zürich Marathon
gewinne das Rennen

Aber leider habe ich
die Laufzeit
nicht mitbekommen*

*Er gewann den Marathon und unterbot seinen Bubentraum (ein Zeit unter 2 Std. 10 Minuten) um 4 Sekunden.

Quelle: Röthlin, Viktor: Sonntageszeitung vom 5. April 2004



Schiedsrichter Urs Meier

Der Schiedsrichter Urs Meier träumt manchmal im Hotelzimmer vor wichtigen Spielen, die er pfeifen muss:

Ich bin im Stadion
die Zuschauer sind da
die Spieler sind da
aber ich muss noch
dringend etwas erledigen
aufs WC gehen
Ich verlasse das Stadion
stehe allein
vor dem Stadion
aber die Leute
lassen mich nicht mehr
hinein

Quelle: Meier, Urs: Persönlich, Radio DRS. 2003

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